Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind zwei Studien bezüglich der Wahrnehmung von Wohlstand und Armut: Zum einen wird die geistesgeschichtliche Entwicklung dieser beiden Konzepte aufgezeigt und zum anderen wird eine empirische, kognitionsethnologische Untersuchung über die indigene Sichtweise in Teheran durchgeführt.
Wie sich zeigt, basiert die Wahrnehmung von Wohlstand und Armut bei dem Fallbeispiel in Teheran auf einer wesentlich breiteren Grundlage, als es den Annahmen der mittlerweile Universalität beanspruchenden modernen Wirtschaftsethik entspricht. So konnten neben Vorstellungen des altiranischen Zoroastrismus, des Islam und der Mystik auch viele Elemente antiker Ethiken nachgewiesen werden, die im Westen mit dem Aufkommen der klassischen Nationalökonomie weitestgehend verloren gegangen sind. Auch konnte aufgezeigt werden, daß der wirtschaftlich quantifizierbare Teil von Wohlstand und Armut in Iran wie in den antiken Ethiken immer noch einen eher untergeordneten Stellenwert einnimmt.
Im Ergebnis lassen sich hieraus zwei Schlußfolgerungen ziehen: Erstens kann der gemeinsame geistesgeschichtliche Ursprung für ein besseres interkulturelles Verständnis zwischen Iran und dem Westen herangezogen werden und zweitens kann die iranische Sichtweise von Wohlstand und Armut die aktuelle Wertediskussion zwischen den Kulturen und Religionen bereichern, weil sie auf einem bedeutsamen - wenn auch in Vergessenheit geratenen - Ansatz beruht, der weit mehr beinhaltet, als die konzeptionell stark eingeengte moderne Wirtschaftsethik hergibt.

Manfred Stammel
Die Wahrnehmung von Wohlstand und Armut. Geistesgeschichtliche Entwicklung und indigene Kognition am Beispiel einer erweiterten Verwandtschaftsgruppe in Teheran
ISBN 10: 3-86573-064-7
ISBN 13: 978-3-86573-064-0
342 S. 38 EUR. 2005 (Diss.)


Einleitung . . . . . 15
Formulierung des theoretischen Problems und Anlage der Arbeit
Bandbreite und Limitationen

I. Theorien und Modelle zur universalen Konzeption von Wohlstand und Armut . . . . . 23
A. Worin die eigentliche Erfüllung und Vollendung des Menschseins liegt - Beispiele aus antiken Ethik-Lehren
1. Das gute Leben als ethisch vortreffliches: Die Tugendlehre Platons
a. Die Ideenlehre als Grundlage allen Wissens und die Idee des Guten als höchstes Ziel menschlichen Strebens
Das Sonnengleichnis
Das Liniengleichnis
Das Höhlengleichnis
b. Die Tugend als Weg zum guten Leben
2. Die Glückseligkeit als höchstes Gut: Der Eudämonismus Aristoteles'
a. Worin die Glückseligkeit besteht
b. Mit der Tugend zur Glückseligkeit
3. Die Lust als höchstes Gut: Der Hedonismus Epikurs
B. Lebenskonzepte als religiöse Handlungsanweisungen - Ethische Verhaltensregeln im Christentum und Islam
1. Ethik und Lebenswelt im Christentum
a. Grundlagen der christlichen Ethik
b. Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus
2. Ethik und Lebenswelt im Islam
a. Grundlagen der islamischen Ethik
Der Koran
Die Sunna
Die Scharia
b. Die fünf Säulen des Islam
Das Glaubensbekenntnis
Das Ritualgebet
Das Fasten
Die Armensteuer
Die Pilgerfahrt
c. Der Islam als Grundlage der Politik
Der Islam als Religion der Öffentlichkeit und nicht der Innerlichkeit
Die Aufhebung von Weltlichem und Geistlichem im Islam
Die Tendenz im Islam, sich zur idealen Vergangenheit zurück zu wenden
d. Islamische Wirtschaftsethik
C. Wohlstand und Armut als meßbare Variablen - Der wirtschaftswissenschaftliche Ansatz
1. Adam Smith und die Anfänge der klassischen Nationalökonomie
a. Die Theorie der ethischen Gefühle
b. Der Wohlstand der Nationen
2. Die Entdeckung der Nutzentheorie durch die Neoklassiker
3. Die Verknüpfung von Wert-und Nutzentheorie als Grundlage der kapitalistischen Konzeption von Wohlstand

II. Kognition als Schlüssel zur indigenen Sichtweise von Wohlstand und Armut . . . . . 107
A. Theoretische Grundlagen
1. Der Gegenstand der kognitiven Ethnologie
2. Sprache als Schlüssel zur Kognition
B. Methodisches Vorgehen
1. Die Bestimmung kultureller Domänen mit Hilfe von Freelists
2. Die Bildung von Kategorien mit Hilfe von Pilesorts
3. Die Konstruktion einer Taxonomie
4. Die Bildung einer Bewertungsskala
5. Die Bildung einer Rangfolge
C. Kultureller Konsensus

III. Das Fallbeispiel einer erweiterten Verwandtschaftsgruppe in Teheran . . . . . 125
A. Die Islamische Republik Iran
1. Die Bezeichnung des Landes
2. Der geographische Kontext Irans
3. Der historische Kontext Irans
a. Von der ersten Besiedlung bis hin zur Islamisierung
b. Von der Islamisierung bis zur Gegenwart
4. Iran heute
a. Bevölkerung
b. Sprache
c. Religion
d. Gesundheit
e. Bildung
f. Wirtschaft
g. Politik
5. Die Metropole Teheran
B. Die indigene Sichtweise von Wohlstand und Armut
1. Das Fallbeispiel
2. Die Bedeutung der Begriffe Wohlstand und Armut in der persischen Sprache
a. Die direkte Übersetzung
b. Die Erweiterung des Lexikons
c. Die Bewertung des erweiterten Lexikons
3. Die Ermittlung der indigenen Inhalte von Wohlstand und Armut mit Freelists
a. Die Gewinnung der Rohdaten mit Freelists
b. Die Vercodung der Rohdaten
c. Die Häufigkeitsauszählung der indigenen Konzepte
d. Der kulturelle Konsensus bezüglich der gewonnenen Daten aus der Freelist
4. Die Kategorisierung der indigenen Konzepte mit Pilesorts
a. Die graphische Repräsentation der Ähnlichkeiten und Entfernungen der 101 Konzepte mit der Multi-Dimensionalen-Skalierungs-Analyse (MDS)
b. Die Konstruktion einer Taxonomie
c. Die Bildung einer Rangfolge
d. Der kulturelle Konsensus bezüglich der gewonnenen Daten aus dem Pilesort und dem Ranking
Die Übereinstimmung der Informanten bei der Konstruktion einer Taxonomie mit Hilfe von Pilesorts
Die Übereinstimmung der Informanten bei der Bildung einer Reihenfolge mit Hilfe eines Qicksorts
5. Die Darstellung und Erläuterung der kognitiven Konzeption von Wohlstand und Armut
a. Zusammenfassung der Erhebungsmethoden
b. Zusammenfassung der gewonnenen Daten
Die Kategorien der Domäne Wohlstand
Die Kategorien der Domäne Armut

IV. Zusammenführung und Interpretation der Ergebnisse . . . . . 285
A. Die Bedeutung der moralphilosophischen Entwicklung für die Wahrnehmung von Wohlstand und Armut
1. Die theoretische Begründung der Ethik in der antiken Philosophie
2. Die praktische Umwandlung der antiken Ethik in die christliche Religion und die Fortführung zu einer universalen Wirtschaftsethik
B. Die historischen und religiösen Grundlagen der indigenen Konzeption von Wohlstand und Armut in Iran
1. Die historische Kontinuität des iranischen Ethik-Verständnisses bis hin zur Islamisierung
2. Die religiösen Grundlagen des iranischen Verständnisses von Wohlstand und Armut seit der Islamisierung
C. Die Bandbreite der indigenen Konzeption von Wohlstand und Armut im Vergleich zur universalen Wirtschaftsethik

Anhang . . . . . 327

Hinweise zur Transkription . . . . . 331

Bibliographie . . . . . 333