Ein Werk und Leben des idealistischen Höhenflugs, der ambivalenten Diesseitigkeit und des steten Weitergehens, ein Trotz-alle-dem - das ist Wolf Biermann. Die Mythen von Ikarus, Dädalus und Sisyphos dienen in der vorliegenden Arbeit als Folie, Leben und Werk des Liedermachers Wolf Biermann zu verstehen. Die Studie analysiert Biermanns Lyrik nicht motivisch, sie stellt vielmehr die Gesten der Lyrik in den verschiedenen Phasen seines Lebens heraus.
Drei künstlerische Phasen lassen sich unterscheiden: Der draufgängerische Ikarus-Typus, der Gegentypus des rationalen Dädalus und letztlich der dialektische Sisyphos-Typus. Kennzeichnend für das Wirken Biermanns ist, dass die Phasen nicht aufeinander, sondern auseinander folgen. Selbst im Spätwerk findet sich noch der idealistische Gestus eines Ikarus, genauso wie im Frühwerk schon der Gestus des ambivalenten Dädalus zu entdecken ist. Die Studie kommt letztlich zu dem Schluss: Biermanns jeweilige Ästhetik des Widerstands entspringt nicht einem persönlichen Temperament oder Geschmack, sondern sie verdankt sich den jeweiligen historischen, politischen, gesellschaftlichen Kontexten, aus denen der Liedermacher stammt und in denen er wirkt(e).

Sin Yoo
Ikarus, Dädalus, Sisyphus. Drei mythische Modelle des Widerstands bei Wolf Biermann
ISBN 10: 3-86573-048-5
ISBN 13: 978-3-86573-048-0
295 S. 36 EUR. 2005 (Diss.)


Vorwort . . . . . 7

Siglenverzeichnis

I. Einleitung . . . . . 15

II. Theoretische Überlegungen zu Modellfunktionen des Mythos . . . . . 23

1. Vom Mythos-Begriff zur Mythos-Funktion
2. Modellfunktion des Mythos
2.1. Mythos als das in Erzählform verkleidete Symbol
2.2. Mythos als Menschheitskonzentrat
2.3. Historisierung des Mythos
2.4. Mythos als Schachspiel und bricolage
3. Der Krug Philemons: Mythos als das noch aktiv Bildende

III. Drei mythische Gestalten als Modell des Widerstands: Ikarus, Dädalus, Sisyphus . . . . . 53
1. Zum Begriff des Modells
2. Ikarus-Modell: Entweder-Oder-Typ
2.1. Vater-Sohn-Divergenz: Ikarus als Symbolfigur vom ungehorsamen Sohn
2.2. Singender Schwan und homo duplex: Ikarus als Sinnbild der dichterischen Existenz
2.3. Exkurs: Zur Verwandtschaft von Ikarus und Zarathustra
2.4. Reise nach Ikarien und Civitas solis: Der Ikarus-Flug als Chiffre des utopischen Aufbruchs in das Unerreichte
2.5. Resümee
3. Dädalus-Modell: Sowohl-Als-auch-Typ
3.1. Dädalus als Chiffre der schmerzlichen Ernüchterung und prekären Balance
3.2. Dädalus als Metapher für Walter Benjamins Engel der Geschichte: Dädalus als Sinnbild der dialektischen Ambivalenz und der Dialektik im Stillstand
4. Sisyphos-Modell: Trotz-alledem-Typ
4.1. Überlieferte Deutungen der Sisyphosmythen: Sisyphos als leidender Büßer und schuftender Arbeiter
4.2. Camus' Sisyphos als existentialistische Chiffre für den Mut zum hartnäckigen Widerstand
4.3. Exkurs: Wolfgang Mattheuers Gemälde Der übermütige Sisyphos und die Seinen: Sisyphos-Meute als Symbol für die Aufhebung menschlicher Entfremdung und für die befreite Arbeit
5. Zusammenfassung

IV. Zum Wandel Biermanns: Der Weg von Ikarus hin zu Dädalus . . . . . 107
1. Erste Phase (bis 1965): Der Traum vom Fliegen nach Ikarien; Inkubationszeit des Protests
1.1. Geburt des revolutionären roten Ikarus
1.2. Ein Robin Hood der Weltrevolution: Das dritte Leben für die direkte Vorbereitung der Weltrevolution
1.3. Von meiner Vaterstadt Hamburg in mein Vaterland DDR
1.4. Der unfreiwillige Wechsel des Kampfmittels: Handfeuerwaffe Lieder statt Kanone Theater
1.5. Die ikarische Ungeduld oder Unzufriedenheit mit alten Genossen: Biermanns Debüt am Lyrikabend in der Deutschen Akademie der Künste
1.6. Vom Prinzip Hoffnung zur ikarischen Vitalität und Angriffslust: Zwischen Verbot und Duldung
2. Erster Wendepunkt (Dezember 1965): Biermanns erster 'Ab-fall' von den DDR-Vätern; Beginn des völligen Auftritts- und Publikationsverbots
3. Zweite Phase (1965-1976): Der revolutionäre Ikarus auf dem DDR-Inselland
4. Zusammenfassung: Der Aufsteigende
5. Zweiter Wendepunkt (November 1976): Der Sturz des Ikarus: Ausbürgerung
5.1. Das unausweichliche Schicksal des preußischen Ikarus
5.2. Ein One-Way-Ticket: Biermanns zweiter, endgültiger Ab-fall von seinem Vaterland
5.3. Resümee
6. Dritte Phase (1976-1989): Die Verdädalierung des ikarischen Lebens; vom exilierten DDR-Liedermacher zum gesamtdeutschen Schriftsteller
6.1. Dädalus' Abwägen statt Ikarus' Wagen: Die neue Vergleichsmöglichkeit
6.2. Distanzierung vom Kommunismus
6.3. Dädalus' langes Atmen: Prosatexte bzw. Prosagedichte als die neue Arbeits- und Ausdrucksweise
7. Dritter Wendepunkt (1989/1990): Der Sturz des Dädalus; Weiterleben ohne Utopie

V. Zur Beständigkeit Biermanns: Dädalus als konstantes Leitbild der dialektischen Ambivalenz . . . . . 221
1. Zum Begriff der Ambivalenz
2. Drei Dimensionen der Ambivalenz bei Biermann
2.1. Ambivalenz auf dem Gebiet des Willens
2.2. Ambivalenz auf dem Gebiet des Intellekts
2.3. Ambivalenz auf dem Gebiet des Affekts
3. Die Varianten der dialektischen Ambivalenz zwischen dem Privaten und dem Politischen in Biermanns Werk
3.1. Natur und Politik
3.1.1. Natur als ein politischer Faktor
3.1.2. Naturerscheinung als politisches Symbol: Winter/Frühling
3.1.3. Die dialektische Ambivalenz zwischen Natur und Politik
3.2. Liebe und Politik
3.2.1. Die rein privaten Liebeslieder
3.2.2. Liebespaar in großer politischer Landschaft
3.3. Zusammenfassung

VI. Zur Spannung zwischen Wandel und Beständigkeit Biermanns: Sisyphos-Modell . . . . . 259
1. Biermanns Sisyphoshaltung: Trotz alledem
1.1. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung
1.2. Biermanns Paradieschen: Macht weiter!
2. Sisyphos' Topos zwischen Ikarus- und Dädalus-Modell

VII. Ausblick . . . . . 273

Literaturverzeichnis . . . . . 277